Malerei heute, verstreute Notizen

Noch nicht aus dem Urlaub zurück, höre ich, es habe „Ärger“ gegeben wegen eines artour-Beitrages über die Hochschule für Grafik und Buchkunst (gesendet 7.7.11). Tatsächlich wird dann berichtet, im Senat dieser Kunstakademie sei ernsthaft darüber gesprochen worden, mir ein Hausverbot für das hehre Institut auszusprechen. Ich glaube das nicht. Darüber später einmal mehr. In dem artour-Beitrag ging es um die Divergenz der Erlangung von überregionalem, ja etwas internationelem Ruhm der HGB durch die Neue Leipziger Schule und den parallelen Abbau der Voraussetzungen dafür. Folgende verstreute Notizen handeln ganz ohne Aufregung und Vorwürfe von den Bedingungen heutiger Malerei, auch in Leipzig.

Nichts ist selbstverständlich, auch Malerei ist es nicht.  Sie ist, anders als die ursprünglich eher idolatrische Plastik, ein Produkt der reflexiven Akkumulation, der städtischen Kultur, sie blüht auf mit der Neuzeit, sie ist ein Bildmedium, das eine Hochzeit erlebt und einen Niedergang, die Moderne macht ihr den Garaus. Im 20. Jahrhundert wiederholt totgesagt, wurde sie schließlich nur noch dilletantisch gehandhabt. Jede neue Generation hatte bei jeder neuen Malereiwelle jeweils noch einen Bestandteil dessen weggeworfen, was ihren Vätern als unverzichtbar gegolten hatte; Bazon Brock hat das wohl als erster als systematisch angemerkt.

Der Betrieb der Moderne, jeglicher Norm abhold, entgrenzend neugierig, sagte jeweils: o.k., ist ja interessant. Und modern war nicht nur Trumpf, sondern Überlebensgebot. Die Moderne-Theorie mit ihrem Selbstverständnis, Imagination und Kreation hätten Reproduktion abgelöst, geht als Bildbegriff zwar weit hinter Meister Eckhart zurück, vernichtet aber – bis auf Solitäre – die gegenständliche Malerei.

An den westdeutschen Kunstakademien hat man zeichnen und malen nicht mehr lernen können. Die 80er-Jahre-Renaissance der Malerei aus Köln und Berlin fand im Grunde ohne Malerei statt. Was vorher als „bad painting“ einmal bewusster Affront war, funktioniert nun als normale Malerei, denn man wusste es nicht mehr besser. Einige Künstler, die damals Erfolg hatten, wurden danach glücklicherweise besser – durch Praxis, die sie sich jenseits des Marktes leisten konnten.

Der Durchschnitt der Malerei in Leipzig stand ein paar jüngere Jahre über dem allgemeinen Niveau, vermutlich weltweit. Eher kurz- als mittelfristig werden wir uns davon verabschieden müssen. Von der Siegermacht diktiert, von der Erziehungsdiktatur erzwungen, ein paar Jahre überlebt, durften Malerbewusstsein und Malereihandwerk seit etwa 2000 noch einmal aufleben, Erfolg steckt an.

Im einheimischen Markt, der sich über Malerei zuletzt auszukennen vorgab, kam dieser Vor/Nachsprung dennoch nie an. Die Neue Leipziger Schule sei nur ein Label, ein Brand, sagen die, die die Unterschiede nicht bemerken. Es sind Leute darunter, die ansonsten mit Kunst umzugehen verstehen. Der Markt gibt ihnen recht, anders ist nicht zu erklären, dass Qualität genauso gekauft wird wie formales Wischiwaschi. Die Verschleifung ist verständlich: Geldscheine sind sich nun einmal sehr ähnlich.

Es geht um schlichte Grundlagen wie Zeichnung, Bildgestalt, wie Oberfläche., Vermeidung von Ungekonnt. Bilder von Künstlern, die das gelernt haben, sind für gewöhnlich dichter, voller. Mehr Zeit ist investiert in Farbe und Farbfläche, Komposition und Instrumentierung. Entscheidend ist die Fähigkeit, Bilder von innen, von der Zeichnung her zu entwickeln und das auch in Malerei umzusetzen. Letztes ist sehr schwer, im Grunde brauchen Absolventen von Kunsthochschulen ein paar Jahre, um es zu lernen.

In der HGB Leipzig manifestierte sich der Rückbau im Profil diverser Ausschreibungen, vor allem in den Neubesetzungen der Maler-Lehrer. Die Professoren Ingo Meller und Heribert Ottersbach sind keine Maler dieser Qualitäten, Anette Schröter könnte es vielleicht noch, doch sie praktiziert es derzeit nicht. Es frappiert, wie sogar in Künstlerkreisen – sogar unter Malern, aber dort eher sollten – zum Beispiel gar nicht verstanden wird, dass es ein fundamentaler Unterschied ist, ob man Bilder durch Knopfdruck herstellt oder per Hand- und Augenarbeit, wobei andere Körperteile durchaus mitwirken, auf dem Nichts von Null aus. Nur ein Aspekt: mehr Körper, weniger Technik. Eine Kunstakademie, die nach der Moderne modern sein wöllte, müsste diese Unterschiede nicht wegmodernisieren, sondern bewusst machen. Das tut die HGB nicht, sie trottet mit.

Nichts gegen Technik an sich, wir leben nur dank Prothesen, das ist die Spezies. Wir scheißen nicht mehr auf die Wiese, wir haben ein Wasserklosett. Doch wenn wir Schmerzen haben, so nicht im Klosett, sondern im Körper, am Arsch, um im Bild zu bleiben. In Zeiten der Monitor-Ästhetik birgt das Zeichnen einerseits ein höheres  ästhetisches Potential als das Ausdrucken von Screens, es ist andererseits hoffnunglos veraltet.

Wer heute für Zeichnung als Grundlage einer Malerei eintritt, die als Kunst im Betrieb Kunst funktioniert, führt Rückzugsgefechte. Je strikter der allgemeine Progress in der jetzigen Richtung eilen kann, desto mehr wird dies dem Mainstream als altbacken und konservativ erscheinen, wie vor 200 Jahren die Verve gegen die Allegorie oder vor längerer Zeit gegen schmutzige Füße auf Altären. Ich möchte dennoch weiter bevorzugen, was mir gemäß ist, nicht das, was ich aus theoretischer Erwartung als die Kunst von morgen erwarte.

Denn die Zukunft ist rostig, nicht rosig. Die Kunst ist ein gutes Symptom. Das 20. Jahrhundert erfand zu den Fertigprodukten der Lebenswelt das „ready made“ als Kunst. Wir leben in einer noch verschärften passiven Kultur des Hinnehmens von Formen und Inhalten, ob in der politischen Sphäre oder beim Aufbau des Ikearegals. Diese Relikte einer Illusion, längst als gesundheitsschädigend und demokratiefeindlich kritisiert, sind die kulturelle Basis der Moderne, sie aber hat es noch nicht gemerkt. Kaum ein Sammler ernährt sich doch von Fastfood. Fastart aber ist voll fette action, um es mal mit Anton zu sagen. Im Kunstbetrieb würgt das System des Geldes jede Selbstkritik ab.

Selbstverständlich gehört der vorgefertigten Malerei – Warhol war ihr erster großer Star – die Zukunft. Es kann gar nicht anders sein. Doch das ist kein Grund, die Tradition in Leipzig abzubrechen. Zwar werden die Außenbahnen dieser dominanten Ästhetik stärker belaufen werden, doch das teuerste Zeug wird gedruckt sein, gesammelt, gescannt, gescreent. Die Ökonomie des Marktes regiert auch die Produktionszeiten, die weiterhin erwartbare mediale Konzentration auf die Stars vereinfacht, d.h. radikalisiert die ökonomische Betriebsstruktur.

Dies entspricht der modernen Verschiebung im Dreieck Künstler, Produkt, Öffentlichkeit. Es ist seit langem zu bemerken, dass sich die für den Erfolg notwendige Aktivität in diesem Dreieck in Richtung Öffentlichkeit verschoben hat. Erfolgreich ist immer weniger Kunst, die als intensive Reibung zwischen Künstler und Produkt entsteht. Stattdessen ist Kunst als beste akzeptiert, die in der Relation Künstler-Öffentlichkeit und Kunst-Öffentlichkeit entsteht, die dort ihre Prämissen findet, ihre Gestalt, dort ihre Konklusionen profiliert.

Ausnahmen finden sich überall. Das Betriebssystem Kunst, so bestätigt neuere Systemtheorie als Antwort auf Luhmann, wird gestört gerade durch den merkwürdigen anthropologischen Charakter dieses Dingens Kunst. Das System funktioniert nicht wie ein normales Waren- oder Kommunikationssystem. Oder wollen wir dahinter lieber ein Fragezeichen setzen?

Allerdings, um zurück zur viel beklagten Nachfolge der Rauch-Professur zu kommen: Sortenreinheit zwischen gezeichneter und medial erstellter Kunst existiert nicht: wer zeichnet, hat die Bilder der Medien ebenso im Kopf, wer Fotoprojektionen abmalt, gestaltet dies und das jenseits der technischen Setzung. Doch es bleibt bei der kardinalen Diskrepanz, die im Grunde jedem klar ist. Es ist ein Unterschied, sich ein Musikstück mit Fertigteilen aus dem Computer zu mixen oder ein Instrument zu spielen. Bei Kindern achten wir drauf, in der Kunst macht die Marktlogik alles gleich.

Der Erfolg der Neuen Leipziger Schule mag eine Welle sein, ein Irrtum ist er nicht. Allerdings werden Gewohnheiten und Artefakte älteren Zuschnitts meist in kleinere Kulturen verdrängt, wenn die moderneren Methoden die Marktplätze übernehmen. Wo sind nur die schönen Maiden und das Revival des Volkstanzes der 1980er Jahre hin?

Vergesst den Ost-West-Konflikt. Gewiss waren die Berufungen von Ingo Meller und Heribert Ottersbach auch ein Affront gegen die ostigen Relikte an der HGB und organische Schritte des rheinischen Machtausbaus, vielleicht tatsächlich als späte Rache der Düsseldorfer an der Gleichschaltung ihrer Akademie durch die neuen Herren aus dem Osten, die Preußen, vor knapp 200 Jahren. Die Lehre von Astrid Klein und aller anderen mag noch so offen sein, das Beispiel des internationelen Geschehens noch so leitend, wir müssen einen Rückbau ohne Not konstatieren, nur aus Mangel, weiter zu denken als die Kunstbetriebsideologie leider auch in den Kunstakademien bewirkt. Weil Annette Schröter sich ebenso fortentwickelt hat wie sie den Konflikt scheut, steht es in Leipzig jetzt in Lehrstühlen kalkuliert 3,7 : 0,3 für eher konzeptionelle, weniger malereisubstanzielle Ansätze; Achtung, diese Angabe, insbesondere die Zahlen, enthalten Ironie.

Das Ergebnis ist nicht Sprengung der Verengung, sondern, dass jetzt auch in Leipzig – wie überall in den deutschen Kunsthochschulen – Malerei dominiert, die sich malerischer Mittel lediglich zur Erlangung einer außer- oder übermalerischen Kunstwirkung bedient, weil sie eigentlich einen ganz anderen Punkt im medialen Sound, im Kommunikationsdreieck Kunst-Werk-Öffentlichkeit, meint, und die folglich aussehen kann, wie sie dafür gerade für nötig erachtet, mit einem Wort, dürftig. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen. Es ist wieder so wie vor 2000/2003 auch an der HGB: Wer Malerin, wer Maler werden will, braucht ein dickes Fell, und warum sie nach Leipzig kommen sollten? – vielleicht weiterhin wegen der Druckwerkstätten, was nun wirklich das positive Ende ist.