U7, I

Nur ein paar Stationen hatte ich zu fahren, Samstag, früher Nachmittag, vom Westen kommend, U7 bis Hermannplatz. Kaum hingesetzt, Buch aufgeschlagen, die richtige Seite gesucht, ertönt eine Stimme schräg hinter mir laut los: „…die Berliner Straßenzeitung, ick verlese jetze ’s Inhaltsverzeichnis“, das der Verkäufer anschließend geschäftsmäßig herunterschnarrt.

Schnell verströmt der unerbetene Zeitungsbote jedoch einen üblen Geruch. Berechtigt ist also seine Hoffnung, das Interesse der Reisenden geweckt zu haben, wenn auch nicht im angestrebten Sinne. Oder doch? …„… und bitte um eine kleine Spende“. Ich saß da und wollte, ungelogen, in José Saramagos „Hoffnung im Alentejo“ lesen. Diese langen sarkastische Saramagosätze, und war also unvorbereitet auf die moralische Misere, in die man gerät, wenn man eine Berliner U-Bahn betritt, und dennoch mittendrin: „Es herrscht Arbeitslosigkeit… Karawanen ziehen dahin auf der Suche nach einem miserablen Lohn…“ Den Arbeitern fehlt die Kraft für Würde. Dreckig vegetieren sie auf den Latifundien dahin, man verstehe, so Saramago, „daß der Mensch unter dem Tier steht, denn dieses leckt sich rein, es ist erforderlich, daß der Mensch sich erniedrigt, um weder sich noch seinen Nächsten zu achten“.

Warum lesen die Bettler nicht vor? Es gibt jede Menge einschlägiger anrührender Literatur, aber sie lesen das nicht. Und was wäre das für eine Appellation, die Grenze wäre überschritten, die die U-Bahn-Bettelei einhalten muss. Den Gestus der Rechtschaffenheit, in den die Bettelei sich heute mehr denn je zu verkleiden verpflichtet fühlt, wäre auch nicht besser erfüllt, denn wer braucht schon diese Literatur? Ohnehin halten sich der Anschein des Nutzens und die Behauptung einer Würde bei diesen Aktionen gerade so auf gefährlichen Schrägen; beides rutscht blitzschnell ab, vielleicht dauert die Performance deshalb nur ein paar lange Sekunden.

Die Berliner U-Bahn ist bekanntlich voll dieser Gewerke. Nur die Fremden schauen noch auf, kaum ein Einheimischer gibt etwas. Es müssen dennoch genügend sein, anders ist die Inflation nicht zu erklären. Viele Bettelnde, heißt es abwiegelnd, seien nur auf dem Heimweg, ein schamloser Zweitjob; ich kann es nicht glauben. Der Vorteil ist die Enge, die Fesselung des Sitzes. Nirgends kommen die, die genügend oder zuviel haben, so praktisch mit denen zusammen, denen alles fehlt, und die hier auf so merkwürdige Weise versuchen, Würde zu behaupten – oder sich diese Mühe sparen.

Berlin und die Bettler ist ein Thema mit Tradition. Etwa um die Zeit von Saramagos Romanhandlung, 1931/32, schrieb Siegfried Kracauer: „Von Durchreisenden ist mir wiederholt versichert worden, daß ihnen die vielen Bettler in Berlin auffielen. Ihre Zahl hat sich, auch durch den Zuzug von Erwerbslosen, in der Tat stark vermehrt, und zwar bevorzugen sie vor allem den besuchteren Teil des Kurfürstendamms, wo sie – ob mit Recht, soll gar nicht ausgemacht werden – besonders wohltätige Passanten vermuten.“

Der Straßenzeitungsverkäufer in der U7 stürzt viel zu kurz mit einem weißen Plastebecher ein paar Reihen entlang, als der Zug verlangsamt, und steigt aus. Muss er so eilen? Ist es ineffektiv, mehr als einen Waggon pro Station zu besuchen? Oder drängt schon der nächste Kollege nach, sind die Plätze und Zeiten längst mafiös verkauft? Der nächste ist längst da, ein Kleinkünstler: Als der Zug wieder beschleunigt hat, beginnt Mundharmonika-Spiel: Horch was kommt von draußen rein!, der hat Humor. Wieder läuft das Schauspiel hinter mir, ich blicke mich nicht um. Keine anderthalb Minuten, dann hat der Spieler Klienten ausgemacht. Vermutlich waren sie durch eine unerlaubte Bewegung, einen Blick, verdächtig geworden.

Die U-Bahn hält, der Mundharmonikaspieler zieht in den nächsten Waggon, die Bahn fährt wieder an. Jetzt beginnt eine dicke Frau mit schief hängender, großer Strickjacke, Ende 50, ungepflegte Haare, an den Türen vor mir in der schönen Mixtur zwischen Berlinerisch und bemühtem Hochdeutsch: „Eigentlich verkoofe ick hier die Straßenzeitung. Aber die müsste ick vorher erstmaa koofen. Dafür fehlt mir durch einen tragischen Zusammenhang das Kapital. Ick bitte sie deswejen um eine kleine Spende, damit ick wieder die Straßenzeitung verkaufen kann.“

Kaum einer meiner Nachbarn in der U-Bahn lässt erkennen, dass er, wenn er, die Angelegenheit verfolge. Die Berliner kennen die Misere, sie sind es gewöhnt, für sie ist es ein Exerzitium der geregelten Empathie. Wenn man täglich dergleichen angesprochen wird, stumpft man ab oder wird neurotisch. Beides nimmt sowieso zu in überfüllten Populationen. Vielleicht aber ist ja alles nur Theater? Sind wir nicht auf der U7, wo Christoph Schlingensief in umgekehrte Richtung seine U3000-Performance herumrasen ließ – aber das ist ein anderes Thema.

Seit Jahren, ach, seit jemineh bemerke ich, wenn ich aus dem Fernzug in den Berliner Nahverkehr wechsle, dass sich sofort etwas verhärtet: Mienen und Gesten werden schroffer, Blicke distanzierter, die emotionale Temperatur sinkt sofort um ein, zwei Grad. Nein, es ist nicht eine internationale Metropolenkälte, es ist Berlin.

An der nächsten Station musste ich raus, so habe ich verpasst, was der einfachste Algorithmus jetzt erwarten ließ: den Mundharmonikaspieler, dem die Mundharmonika geklaut worden ist, und der nun um eine Spende bittet, um sich eine kaufen zu können, diesen typischen Berliner Humor, den hätte ich gern noch gesehen.