Bei Präsident Paulus, oder: Es sind nicht die Zeiten, es ist der Ort

Ein schöner Aphorismus von Stanisław Jerzy Lec (aus ‚ehemaligen’ Jahren) geht etwa so: Man klagt immer über die Zeiten: Ach, in was für Zeiten leben wir! usw. Bis man eines Tages aufwacht und merkt, es sind nicht die Zeiten, es ist das Land. Wieso fällt mir das ein? Das Paulinum wird morgen also eingeweiht, es folgen am Wochenende eine weitere öffentliche Besichtung und der Festgottesdienst. Als die Rektorin, der Kustos, der Prediger-Professor und der Musikdirektor der Universität in der vergangenen Woche die Presse einluden, versammelte man sich auf der Orgelempore und fühlte sich unter dem weißlichen Kreuzgewölbe tatsächlich – zumindest ohne Brille – wie in der Nikolai-Kirche.

Es ist schon bitter, was sich neuerdings Architektur nennt, es lohnt nicht Aufregung und Bemühung. Ich notiere hier nur die niederschmetternde Erfahrung, dort eine Stunde zu sitzen. Unten im ‚Schiff’ fühlt der Bau sich weniger kitschig an, die Höhe und Weite schaffen Licht und Luft – womit die meisten Besucher schon zufrieden und also begeistert sind.

Das wäre dann das Positive: Die Raumhülle holt die Kirche St. Pauli aus dem Schutt. Ich hätte es nicht gebraucht. Schon lange bin ich mir sicher, dass die wichtigste Funktion all der heute so opportunen Bemühungen, das Unrecht der Vergangenheit zu bedenken, eine disziplinarische ist, die das Unrecht der Gegenwart verkleistert.

Aber es gibt Leute, die finden das gut. Mag sein, dass sich im Paulinerverein seit 1992 viele trafen, die die Willkür der Sprengung erlebt hatten oder anders ehrenwerte Motive hatten; auch der naive Wunsch nach ‚originalem’ Wiederaufbau mag verzeihlich sein. Doch was danach geschah, ist einfach nur dämlicher Revanchismus (wo kommt denn wohl dieser Begriff jetzt her?).

Gerade für artour wieder mit dem Paulinum/der Universitätskirche befasst, ging mir ein historischer Vergleich nicht aus dem Kopf. Man stelle sich die Etappe von 1968 bis 2017 vor und rekapituliere nur 1868-1917 und 1768-1817. Es sind Revolutionen dazwischen, Neuaufteilungen der Welt, Kriege, in jedem Falle radikale Kulturwechsel. Gewiss sind das noch biographisch bewusst erlebbare Strecken, insofern ist die Tragik programmiert. Man stelle sich vor, 1817 und 1917 ist im Geiste von 1768 und 1868 gehandelt worden – was für anachronistischer Quark jeweils. Genau das ist jetzt mit dem Paulinum passiert.

Man kann wohl nicht sagen, dass der Zeitgeist gerade besonders frömmelt. Der Papst heimst Sympathien ein, doch eher mit seinen sozialen Mahnungen als im engeren Sinne religiös. Dass ein Architekt also tatsächlich so einen Innenraum wie die frühere Universitätskirche unangetastet lässt und sogar Reminiszenzen an gotische Spätstile anklingen lässt, dass er der Universität also eine Kirchenhülle als Aula verkauft, mag einfach nur unbedacht sein. Es ist ein Resultat der unerbittlichen ‚Erinnerungskultur’ einer solchen Truppe wie dem Paulinerverein und seiner Unterstützer.

Der Bau ist deshalb wohl eher orts- als zeittypisch. Ortstypisch ist nämlich, wie so plumpe und grobe Positionen die öffentliche Diskussion bestimmen können. Das ist die Tragik: Es gibt keine öffentliche Diskussion in Leipzig. Wenn ein Thema öffentlich wird, fällt es in die Hände der Leipziger Volkszeitung, und dann ist es verloren – beziehungsweise wird in der plattest möglichen Weise nach Herrschaftsgusto popularisiert. Die Herrschaft förderte verständlicherweise alles, was der SED-Willkür usw. die Stirn zu bieten verspricht. Dass, was das Paulinum angeht, die christlich-sogenannte Landesregierung auf Anregung des Paulinervereins die freie Universität in der SPD-Stadt erpresste und letzthin den heutigen Unfug möglich machte, habe ich vor Jahren notiert.

Ein schönes Thema für eine journalistische Bachelorarbeit könnte sein nachzuforschen, wie versucht wurde, öffentlich zum Beispiel den Kustos der Universitätssammlungen einzuschüchtern, weil er nicht machte, was der Paulinerverein wünschte. Als eine Journalistin die Rektorin jetzt fragte, und zwar in einem Ton, als mache die etwas falsch, warum die Einweihung des Paulinums durch die Universität nicht mit dem Festgottesdienst zusammen erfolge, argumentierte die Rektorin tatsächlich mit Platzmangel. Sie sagte nicht, dass das wohl zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Es sind nicht die Zeiten, es ist der Ort.

Vor diesem Leipziger Hintergrund ist so etwas wie das Paulinum verständlich. Die frühere Musik-, Buch- und Universitätsstadt entwickelt sich, jedenfalls wie es der derzeitige ‚öffentliche Diskurs’ widerspiegelt, weiter zu einer geistfernen Rasenball-, Porsche- und Amazon-Stadt. Daran wird auch Paulus mit dem Schwert nichts ändern, der mit dem Haupt-Altar fast an die alte Stelle kam und gleichsam Andachtsraum wie Längsstreckung der Aula präsidiert.

Bestimmt finden sich demnächst ein paar unbelehrbare Studierende, die nicht wollen, dass ihre Aula nach diesem Erlösungskämpfer benannt wird, der nach seiner Konversion vom Christenjäger zum Juden- und Heidenmissionar bekanntlich auch vielen Türken und Arabern den Weg gewiesen hat. Ich stelle mir Massen-Taufgottesdienste vor, koreanische Verhältnisse… Der Raum ist bereitet… Wer jetzt denkt, na, das wäre doch das Schlechteste nicht: Vergiss es!

Kleine schiefe politische Numerologie, heute verzeihlich

Neulich, es war auf der A 9, machte mich dieses Zeichen ratlos. Müsste ich jetzt etwas Böses tun oder Gutes? Sagt sich übermächtiger Sex an oder trinitarische Einwohnung? Die neunmonatige Verheißung schließe ich aus.

Sind ja nur Ziffern und Zahlen?, keinesfalls. Zweifellos bildet die Sechs die Mitte der Reihen auf dem Tacho. Gern würde ich jetzt den großartigen Augustinus zitieren, wie er über die Sechs schwelgt, die vollkommene Zahl, weil, nur das, weil sie Summe und Produkt ihrer Einzelteile ist, 1 + 2 + 3 = 1 x 2 x 3, und weil so auch das harmonischste Dreieck entsteht und so weiter. Aber es würde jetzt zu lange dauern, in der unharmonischen Bücherverteilung hier um mich herum des Augustinus’ wörtliche Auslegung der Genesis zu finden, außerdem läuft TV, Gene Hackman und Danny DeVito.

Das war die milieutypische Überleitung. Vielleicht hatten mich die mitlaufenden Sekunden am Anfang des Bundestagswahlkampfes zu sehr irritiert, als im TV peinlich darauf geachtet wurde, dass die Kandidaten der verschiedenen Parteien gleich lange Redezeit erhalten. Irritierend war weniger die Gleichbehandlung selbst als die implizit schuldbewusste Offenlegung: Wir achten sekundengenau auf die Redezeit, wir haben Grund dazu. Das Thema ist nicht neu. Doch hat sich die sogenannte Mediendemokratie nicht ordentlich diversifiziert? Kann schon jemand belegen, dass die kommenden Verschiebungen durch das Internet und die Sozialen Medien befördert worden sind? Das würde bedeuten, dass das nach euphorischen Hoffnungen schon abgemeldete Internet sich doch ‚demokratierelevant’ auswirkt, nun gerade anders als erhofft.

Die mitlaufende Uhr war am Ende bei der ‚Elefantenrunde’ verschwunden, doch explizite Bemerkungen der Moderatoren verwiesen darauf – wobei die beiden wichtigsten ‚Spitzenkandidaten’ aus durchsichtigen Gründen ferngeblieben waren. Die eine hat soviel alleinstellige Präsenz, dass sie einen Auftritt als Kandidatin unter ‚vermeintlich gleichen’ klugerweise vermied; der andere steckt in der Falle seiner Behauptung, er sehe sich als Alternative und muss also wegbleiben, wenn die andere nicht kommt. Ihr Verzicht auf TV-Präsenz ist also kein Gegenbeweis.

Aber was ist diese TV-Symmetrie wert, wenn es ‚ernst wird’? Ein, zwei, keine drei Tage vor Herbstanfang am Zweiundzwanzigsten Neunten (es geschah 22.02 Uhr, aber das wird hier keine Konjunktion, keine Sorge) wurde es dann schon 22.22 Uhr, tatsächlich, als der Spitzenkandidat der FDP in der Runde erstmalig reden durfte und das Menetekel aussprach: Es ging doch immer um die Flüchtlinge. Das Wort hatte das Momentum wie die damit verbundenen Ereignisse in den letzten zwei Jahren. Tatsächlich erscheint nachträglich alles recht folgerichtig, es hätte wie immer aber auch schlimmer kommen können.

Meine schöne 333999 – die 66,6 hatte ich natürlich dazugeschummelt, was mich erschreckende Rechenleistung gekostet und den Straßenverkehr gefährdet hatte – droht im harmonischen und vielbedeutenden Zeichenversprechen vor allem doch, dass das gute alte Auto mich bald verlassen wird. Es ist kein Diesel! Und irgendwie schillert die ausgewogene TV-Redezeit nur noch irgendwie linkisch wie eine alte Liturgie. Die ‚politischen Klasse’, gerade erst war die LINKE eingerückt, versucht eine trügerische Balance zu behaupten, die sie debakelhaft verliert, ähnlich dem Dieselmotor. Sage keiner, dass das nicht zusammengehört.

Nun, also wieder das: Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. / Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. / Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. // Einen Wahltag meinte der Brecht damit nicht.

Das Paulinum wird fertig

Wird dann endlich der Paulinerverein verboten? Gibt es nicht einen juristischen Weg, die permanente Stiftung von Unfrieden zum Landfriedensbruch zu addieren? Es sieht also aus, als würde das Paulinum – der Universität – fertigt. Wie es aussehen soll, was darin passieren solle, was darin stehen wird, das möchte der Paulinerverein der Universität diktieren, seit Jahren und weiterhin. Der Verein diktiert immerhin der ortsüblichen Zeitung. Jahrelang ging es um die Abtrennung des Altarraums, jetzt wird für die Heimholung der Kanzel getrommelt. Die geistige Hoheit über das Paulinum – die Aula der Universität und Universitätskirche – scheint nicht die Universität zu haben, sondern der Paulinerverein. Man könnte abwiegeln: Lass die bellen; doch die bellen nicht nur, die stinken auch.

Im Dezember wird eingeweiht, in zwei Wochen schon wird bei einer Bauabschlussfeier den am Bau Beteiligten gedankt. Mich erreichte der freundliche Hinweis, dass dabei fünf Viertelstunden lang mit dem Staatsminister für Finanzen, der Bundesministerin für Bildung und Forschung und dem Ministerpräsidenten Sachsens zwar höchste Respektabili aufgeboten sind, doch niemand von der Universität sprechen wird. Na schön, wer das Geld gibt, ist der Bauherr, und die öffentliche Einweihung folgt ja noch? Vor 13 Jahren schon entstand folgender Text, der von der damaligen Entmündigung der Universität – und der Stadt – durch die Landesregierung handelt, über eine Juryentscheidung, die 13:0 ausgegangen war, und über den Paulinververein.

 

Vom 13:0 über die „peinliche Provinzposse“ zum „Kompromiss auf höchstem Niveau“

Wahrscheinlich hat der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung recht. Tom Mayer empfiehlt, man solle sich jetzt einfach mal freuen. Böses Gerede und häßliches Gerangel haben ein Ende. Endlich ist entschieden, wie das Hauptgebäude der Universität am Augustusplatz gebaut werden soll. Der Siegerentwurf von Erick van Egeraat wird viel weniger kritisiert als gelobt. Selbst Architektenkollegen sind nicht komplett entsetzt, eigentlich ein sehr gutes Zeichen.

Damit ist ein Verfahren abgeschlossen, das von der Verletzung des Wettbewerbsgeheimnisses durch Jurymitglieder, von parteipolitischem Gezänk bis zu Erpressung und Entmündigung der Universität durch die Landesregierung allerhand zu bieten hatte. Beide Stufen, Wettbewerb und Qualifizierung, waren von skandalösen Vorgängen begleitet. Das Ergebnis wird nun gern als „Kompromiss auf höchstem Niveau“ bezeichnet.

Entsteht dort tatsächlich eine neue symbolhafte Gestalt für das „geistige Zentrum“ der Leipziger Universität? Der Bau solle, forderte die Auslobung, die großen Traditionen der zweitältesten deutschen Universität mit dem hochgemuten Gestus verbinden, auch in Zukunft ein Hort wissenschaftlicher Klarheit und Leistung zu sein. Ist er das? Zunächst mutet der Bauentwurf an wie ein kräftiger, buckelkrummer Hexenohm. Der kann sehr sympathisch sein (der Mann von der Muhme), er weiß Sagen und Märchen zu erzählen. Doch einen klaren Verstand, der in den geistigen Strömungen des 21. Jahrhunderts Maßstäbe setzt, vermutet man hinter dieser Fassade nicht. Gleichwohl  stecken in der Physiognomie aus steilem Dachsattel und expressiver Trauflinie intellektuelle Qualitäten. Der Bau verführt mit seiner zur Schnittigkeit abgedampften Expressivität, die postmoderne Spielerei integriert, und er entsetzt damit, vor allem, wenn man die Bauaufgabe bedenkt.

Schlichter ging es zu, als der Wettbewerb schon einmal beendet war. Die Jury hatte im März 2002 aus 128 angenommenen Einsendern anonym den Entwurf von Behet + Bondzio aus Münster zum Sieger gekürt. Die Juroren würdigten die „überraschende Qualität“ des Konzepts. „Hoch eingeschätzt“ wurden ausdrücklich das städtebauliche Konzept und die „Gestaltqualität der Fassade“. „Ein überzeugender Beitrag ist die neue Pauliner Aula, die Teil des Ensembles wird und würdig an den historischen Ort erinnert.“

Gewiß schien die Fassade ein Understatement zu sein. Sie machte sich nicht anheischig, für irgend etwas aufzutrumpfen. Doch eigentlich war alles beisammen. Faszination versprach der Entwurf auch mit der Lichtführung in seiner Aula, freilich waren die Innenarchitekturen in dieser Phase noch nicht ausgearbeitet.

Trotz einstimmiger Jury bringt ein 13:0 kein Glück. Behet + Bondzio scheiterten an dem, was die Jury an ihrem Entwurf gerade gelobt hatte. Denn die „Erinnerungskultur“ wurde fanatisch betrieben. Seit mehr als zehn Jahren fordert in Leipzig ein Verein den Wiederaufbau der Paulinerkirche. Gemeinsamer Nenner des Begehrens ist der Versuch, das Unrecht der brutalen Zerstörung 1968 nicht „fortdauern“ zu lassen. Er artikuliert sich leider nicht progressiv, sondern ist konservativ-idyllisch auf „Wiederherstellung“ aus. Kulturtheoretisch und denkmalpflegerisch ist das absurd. Aber dieser regressive Wunsch ist verführerisch wie pränatales Badewasser. Er steckt in uns Menschen nun einmal drin, wir unterscheiden uns nur dadurch, wann wir ihm erliegen.

Der Paulinerverein zog im zweiten Halbjahr 2002 gegen den siegreichen Campus-Entwurf zu Felde. Die Presse umjubelte den Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel als prominenten Wiederaufbau-Förderer, lieh dem Paulinerverein ihre Seiten und argumentierte tendenziös.

Zum Baustart durch die Landesregierung als Bauherren kommt es dann nicht mehr. Die CDU in Leipzig, vor allem Kurt-Ulrich Mayer, zieht direkte Drähte zu höchsten Dresdner Parteifreunden. Im Januar 2003 erfolgt der Ministerratsbeschluss, dass die Universität über einen Wiederaufbau der Kirche bitteschön gründlicher nachzudenken habe. Sonst gebe es kein Geld. Das sächsische Kabinett hatte bemerkt, so Kultusminister Matthias Rößler, daß sich „die Stimmung in Leipzig deutlich geändert hat“. Umfragen sagten etwas anderes, aber das macht nichts. Stadtrat, Universitätskonzil, Studentenschaft wollten bauen, wie der Wettbewerb ausging (überarbeitet, was normal ist). Aber das machte nichts. Die Begrenzung des geistig-geistlichen Zentrums der Universität auf die eine Religion zu fokussieren, erschien provinziell. Aber das machte alles nichts. Das bis auf wohl eine Ausnahme vollstimmig christlich-konfessionelle Kabinett Sachsens (die Katholischen überwiegen leicht und stellen den Chef) hat da wohl auch eine konfessionelle Leistung erbringen wollen. Das ist ehrenwert, verwechselt aber das Mandat und ist am Ende, der Bau wird es zeitigen, eine Farce.

Die säkulare Uni in der SPD-Stadt erwägt Anfang 2003 den Widerstand, immerhin besitzt sie das Grundstück. Aber Stadt und Rektor Volker Bigl sind machtlos, der Bauherr und Geldgeber entscheidet. Der Baubeginn drängt, soll noch eine Chance bestehen, bis zum Universitätsjubiläum 2009 fertig zu werden. Volker Bigl zieht Vergleiche mit der Entmündigung der Universität vor 1989 und tritt zurück.

Jetzt beanspruchen auch die Befürworter eines modernen Neubaus (mit Erinnerung an die Sprengung) – die Gegner des Wiederaufbaus – endlich Öffentlichkeit. Weil sie sie nicht anders bekommt, schaltet die lose, ansehnliche Gruppe des Leipziger Kulturbetriebs eine Zeitungsanzeige (noch im Netz: Protest-aus-Leipzig.de). — (Ergänzung 2017: nicht mehr online.)

Die sogenannte Einigung erfolgt dann auf Dresdner Niveau. Ein konzentrierender Wettbewerb wird vorbereitet, ein „Qualifizierungsverfahren zum Bereich ehemaliger Standort Paulinerkirche zur Neubebauung mit einer Aula / Kirche“. Es nehmen Preisträger des Wettbewerbs und hinzugeladene Architekturbüros teil. Grundlage bleibt der Entwurf von Behet + Bondzio. Die Qualifizierung fordert, daß „mit der Aula für die Universität tatsächlich auch ein Raum entsteht, der als Kirchenraum angemessen erscheint und gleichberechtigt als Aula genutzt werden kann“. Erstrebt werde eine „architektonisch hochwertige Lösung, welche in würdiger und angemessener Weise an die kulturhistorische Bedeutung des Standortes, der qualitätvollen historischen Bauten aber auch an deren Sprengung erinnert.“ Die nebulöse Verstärkung dessen, was auch der („erste“) Wettbewerb schon enthielt, dokumentiert das Dilemma des Auftraggebers, das gleiche noch einmal auszuschreiben, den Architekten aber mitzuteilen, was nun mehr gewünscht sei: der Eindruck einer Kirche.

Jetzt wird es auch persönlich unangenehm. Anfang Februar 2004 gab die Vertreterin des Paulinervereins einen bereits ausjurierten Entwurf, in dem die Kirche in neogotischen Formen wieder entstehen sollte, an die Öffentlichkeit. Diese Indiskretion brachte die anderen Beteiligten, Jury wie Jurierte, auf die Palme. Doch die Hoffnung, die Leipziger Bürger würden begeistert reagieren, erfüllte sich nicht, die Instrumentalisierung der Presse ging nicht auf.

Das Verfahren allerdings war beschädigt. Als „peinliche Provinzposse“ bezeichnete Architekt Peter Kulka mittlerweile den Wettbewerb. Mit der nur ihr eigenen Chuzpe ist Paulinerverein-Sprecherin Jutta Schrödl danach aber einfach zu weit gegangen. Sie kritisiert in der Presse, was der Oberbürgermeisters während der Jurysitzung sagte, als Beeinflussung der Jury. Als dann Gegenwind zunimmt, versucht sie in einem letzten Kraftakt sogar, die Legitimität der Fachjury zu denunzieren. Der sehr erfahrene Juryvorsitzender Peter Zlonicky, Münchner Architekturprofessor, kennt für den Vertrauensbruch „keine Parallele in irgendeinem anderen Verfahren“. Er macht notgedrungen „gute Miene zum bösen Spiel“, um den Crash des Wettbewerbes zu verhindern.

Letzten Ärger dann zur letzten Jurysitzung. Die Indiskretion und Diffamierung von Jurymitgliedern rügt der Vorsitzende „in gebotener Schärfe“, wie das Protokoll vermerkt. „Die Jury diskutiert den Ausschluss eines Jury-Mitgliedes, sieht jedoch von einem formalen Beschluss ab.“ Informell heißt es, die Vertreter der Landesregierung wollten, daß die Vertreterin des Paulinervereins dabei bleibe. Zwei Jurymitglieder quittieren daraufhin die Mitarbeit. Am 24. März 2004 votiert die Jury also für Erick van Egeraat. Er bot endlich einen bedeutenden Auftritt und die emotionale Botschaft, die die anderen nicht vermitteln konnten. Durchgehen ließ die Jury dem Architekten, dass er das ausgeschriebene finanzielle und Bau-Volumen weit überschreitet, um alle Funktionen unterzubringen.

Das ist Architektur, die was hermacht. Van Egeraat führt ein großes Büro, er baut in mehreren Ländern farbig und linear aktive Häuser. Freilich verdribbelt sich das manchmal, wie hier im – pardon – dämlichen Rippengewölbe. Die Idee dazu ist natürlich ein Ergebnis der scharfen Forderungen nach solcher „Erinnerungskultur“. Städtebaulich bestehen Gewinn und Verlust darin, was ein Gebäude mit kräftigem Neuwertschwung an dieser Stelle einbringt. Erstes Merkmal des Egeraat-Entwurfs an dieser Stelle ist ein rigoroser Traditionsbruch. Auf den Augustusplatz nimmt es trotz des vertikalen Rhythmus’ der recht geschlossen wirkenden Front wenig Bezug. Details machen neugierig, aber die Maßverhältnisse schrecken ab. Der geneigte Buckel über dem Ensemble ängstigt aus schräger Perspektive, er kippe er nach vorn. Kehrt die Paulinerkirche also als aufgepumpter Wiedergänger zurück, dem die anderen Universitätsfunktionen als kleine Seitenflügel angestückt sind? So könnte man die Baumassen lesen. Der Architekt ging anders heran. Für ihn war die Masse in der Mitte wichtig, um „im Bereich der Pauliner-Kirche einen städtebaulichen Klimax“ zu schaffen. Der formale Bezug auf Stile des früheren Ensembles von Augusteum bis Café Felsche soll weitere historische Anker setzen.

Jede Querele hat ihre Pointe. Können diejenigen, die eine neue Kirche erhofft hatten, um an die zerstörte zu erinnern, nun zufrieden sein? Spricht die Metaphysik dieses Bühnengiebels mit seiner aus der Achse gerückten Fenster-Poesie nicht eine ganz andere Sprache? Schaut da, Mondschein vorausgesetzt, nicht gleich ein Nosferatu aus dem Fenster? Als die Entscheidung noch ganz neu war, sagte der Rektor Franz Häuser, hoffentlich ist das Haus bald fertig, dann könne man Universität ranschreiben. Das geistige Zentrum, das Gesicht der Universität als verschiefte neogotische Fassade, die unweigerlich an Bühnenarchitekturen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts denken lässt, dem Theater der dunklen Mächte? Seit zwei Jahrzehnten, vielleicht seit Reagan und Khomeini, lädt die Welt sich wieder stärker mit Irrationalem auf. Die geistige Elite kann sich auf Kreuzzüge begeben oder auf Vernunft pochen. Dieser Rahmen ist nicht zu groß für das „Gesicht“ einer Universität für hoffentlich lange Zeit. An ihrer Gestalt wird man die Leipziger Universität künftig nicht als Hort der Vernunft erkennen können.

Aber am Ende zählen Gott sei Dank die Inhalte, sie könnten Formen sogar umdeuten. Und jetzt ist die Sache in Sack und Tüten. Es wird ein zumindest selbstbewusstes Gebäude entstehen und den Platz markant abschließen. Gewöhnung wird einsetzen. Doch der Bau wird auch ein Zeichen für die Querelen des Wettbewerbs bleiben.

(Leipziger Blätter, 2004)