It’s wonderful: you will be able to understand The Garden of Earthly Delights!

Ende Juli war nun das mal endlich fertig, zuletzt dank der geduldigen Beihilfe von Caroline Kober:

Übersetzt von
Sabine Berendse und Paul Clements, PubliQation 2018.

Der Klappentext verheißt dieses und nicht zuviel:

It is wonderful: you will be able to understand The Garden of Earthly Delights! Hieronymus Bosch’s famous painting is explained here as an enjoyable theological essay. The painter did not create a ‘Find the Hidden Objects’ puzzle at all, because even the smallest detail has its function and its precisely appropriate placement. The emphasis will be on a dream and what can be learnt from it; on the senses and on perception, and on imagination and on the commandment to control the senses. The soul and its mystical marriage to God are integral to the discussion as well as human sexuality both within marriage and for ist own sake. Furthermore, we will explore self-knowledge, humility and pride, free will and grace, and God’s love. Its converse can be found in Hell in an ugly polemic employing a catalogue of anti-Jewish motifs. To unravel the meaning of the Garden of Earthly Delights is not to detract from the painting’s enchantment. Its aesthetic and intellectual beauty will, in fact, fascinate even more than before because of the ambition of its discovered allegorical meaning.

Obwohl ich viel länger schon Material über den Garten der Lüste gesammelt hatte und mir deutlich vor 2000 klar war, dass da einiges zu revidieren sei, begann ich erst 2012 über den Lüste-Garten zu schreiben – anfangs als letztes Kapitel einer Bosch-Monografie insgesamt. Dann kam die Entdeckung des Felsen-Menschen ‚dazwischen’, das Kapitel wuchs und wuchs über sich hinaus und wurde ein Buch, das spät im Jubiläumsjahr gerade noch fertig wurde: Die Seele von Sinnen im Garten der Lüste (Ebook, 2016). Das jetzt erschienene gedruckte englische Buch ist eine Kurzfassung davon (176 Seiten mit Reproduktionen).

Bei Präsident Paulus, oder: Es sind nicht die Zeiten, es ist der Ort

Ein schöner Aphorismus von Stanisław Jerzy Lec (aus ‚ehemaligen’ Jahren) geht etwa so: Man klagt immer über die Zeiten: Ach, in was für Zeiten leben wir! usw. Bis man eines Tages aufwacht und merkt, es sind nicht die Zeiten, es ist das Land. Wieso fällt mir das ein? Das Paulinum wird morgen also eingeweiht, es folgen am Wochenende eine weitere öffentliche Besichtung und der Festgottesdienst. Als die Rektorin, der Kustos, der Prediger-Professor und der Musikdirektor der Universität in der vergangenen Woche die Presse einluden, versammelte man sich auf der Orgelempore und fühlte sich unter dem weißlichen Kreuzgewölbe tatsächlich – zumindest ohne Brille – wie in der Nikolai-Kirche.

Es ist schon bitter, was sich neuerdings Architektur nennt, es lohnt nicht Aufregung und Bemühung. Ich notiere hier nur die niederschmetternde Erfahrung, dort eine Stunde zu sitzen. Unten im ‚Schiff’ fühlt der Bau sich weniger kitschig an, die Höhe und Weite schaffen Licht und Luft – womit die meisten Besucher schon zufrieden und also begeistert sind.

Das wäre dann das Positive: Die Raumhülle holt die Kirche St. Pauli aus dem Schutt. Ich hätte es nicht gebraucht. Schon lange bin ich mir sicher, dass die wichtigste Funktion all der heute so opportunen Bemühungen, das Unrecht der Vergangenheit zu bedenken, eine disziplinarische ist, die das Unrecht der Gegenwart verkleistert.

Aber es gibt Leute, die finden das gut. Mag sein, dass sich im Paulinerverein seit 1992 viele trafen, die die Willkür der Sprengung erlebt hatten oder anders ehrenwerte Motive hatten; auch der naive Wunsch nach ‚originalem’ Wiederaufbau mag verzeihlich sein. Doch was danach geschah, ist einfach nur dämlicher Revanchismus (wo kommt denn wohl dieser Begriff jetzt her?).

Gerade für artour wieder mit dem Paulinum/der Universitätskirche befasst, ging mir ein historischer Vergleich nicht aus dem Kopf. Man stelle sich die Etappe von 1968 bis 2017 vor und rekapituliere nur 1868-1917 und 1768-1817. Es sind Revolutionen dazwischen, Neuaufteilungen der Welt, Kriege, in jedem Falle radikale Kulturwechsel. Gewiss sind das noch biographisch bewusst erlebbare Strecken, insofern ist die Tragik programmiert. Man stelle sich vor, 1817 und 1917 ist im Geiste von 1768 und 1868 gehandelt worden – was für anachronistischer Quark jeweils. Genau das ist jetzt mit dem Paulinum passiert.

Man kann wohl nicht sagen, dass der Zeitgeist gerade besonders frömmelt. Der Papst heimst Sympathien ein, doch eher mit seinen sozialen Mahnungen als im engeren Sinne religiös. Dass ein Architekt also tatsächlich so einen Innenraum wie die frühere Universitätskirche unangetastet lässt und sogar Reminiszenzen an gotische Spätstile anklingen lässt, dass er der Universität also eine Kirchenhülle als Aula verkauft, mag einfach nur unbedacht sein. Es ist ein Resultat der unerbittlichen ‚Erinnerungskultur’ einer solchen Truppe wie dem Paulinerverein und seiner Unterstützer.

Der Bau ist deshalb wohl eher orts- als zeittypisch. Ortstypisch ist nämlich, wie so plumpe und grobe Positionen die öffentliche Diskussion bestimmen können. Das ist die Tragik: Es gibt keine öffentliche Diskussion in Leipzig. Wenn ein Thema öffentlich wird, fällt es in die Hände der Leipziger Volkszeitung, und dann ist es verloren – beziehungsweise wird in der plattest möglichen Weise nach Herrschaftsgusto popularisiert. Die Herrschaft förderte verständlicherweise alles, was der SED-Willkür usw. die Stirn zu bieten verspricht. Dass, was das Paulinum angeht, die christlich-sogenannte Landesregierung auf Anregung des Paulinervereins die freie Universität in der SPD-Stadt erpresste und letzthin den heutigen Unfug möglich machte, habe ich vor Jahren notiert.

Ein schönes Thema für eine journalistische Bachelorarbeit könnte sein nachzuforschen, wie versucht wurde, öffentlich zum Beispiel den Kustos der Universitätssammlungen einzuschüchtern, weil er nicht machte, was der Paulinerverein wünschte. Als eine Journalistin die Rektorin jetzt fragte, und zwar in einem Ton, als mache die etwas falsch, warum die Einweihung des Paulinums durch die Universität nicht mit dem Festgottesdienst zusammen erfolge, argumentierte die Rektorin tatsächlich mit Platzmangel. Sie sagte nicht, dass das wohl zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Es sind nicht die Zeiten, es ist der Ort.

Vor diesem Leipziger Hintergrund ist so etwas wie das Paulinum verständlich. Die frühere Musik-, Buch- und Universitätsstadt entwickelt sich, jedenfalls wie es der derzeitige ‚öffentliche Diskurs’ widerspiegelt, weiter zu einer geistfernen Rasenball-, Porsche- und Amazon-Stadt. Daran wird auch Paulus mit dem Schwert nichts ändern, der mit dem Haupt-Altar fast an die alte Stelle kam und gleichsam Andachtsraum wie Längsstreckung der Aula präsidiert.

Bestimmt finden sich demnächst ein paar unbelehrbare Studierende, die nicht wollen, dass ihre Aula nach diesem Erlösungskämpfer benannt wird, der nach seiner Konversion vom Christenjäger zum Juden- und Heidenmissionar bekanntlich auch vielen Türken und Arabern den Weg gewiesen hat. Ich stelle mir Massen-Taufgottesdienste vor, koreanische Verhältnisse… Der Raum ist bereitet… Wer jetzt denkt, na, das wäre doch das Schlechteste nicht: Vergiss es!

Kleine schiefe politische Numerologie, heute verzeihlich

Neulich, es war auf der A 9, machte mich dieses Zeichen ratlos. Müsste ich jetzt etwas Böses tun oder Gutes? Sagt sich übermächtiger Sex an oder trinitarische Einwohnung? Die neunmonatige Verheißung schließe ich aus.

Sind ja nur Ziffern und Zahlen?, keinesfalls. Zweifellos bildet die Sechs die Mitte der Reihen auf dem Tacho. Gern würde ich jetzt den großartigen Augustinus zitieren, wie er über die Sechs schwelgt, die vollkommene Zahl, weil, nur das, weil sie Summe und Produkt ihrer Einzelteile ist, 1 + 2 + 3 = 1 x 2 x 3, und weil so auch das harmonischste Dreieck entsteht und so weiter. Aber es würde jetzt zu lange dauern, in der unharmonischen Bücherverteilung hier um mich herum des Augustinus’ wörtliche Auslegung der Genesis zu finden, außerdem läuft TV, Gene Hackman und Danny DeVito.

Das war die milieutypische Überleitung. Vielleicht hatten mich die mitlaufenden Sekunden am Anfang des Bundestagswahlkampfes zu sehr irritiert, als im TV peinlich darauf geachtet wurde, dass die Kandidaten der verschiedenen Parteien gleich lange Redezeit erhalten. Irritierend war weniger die Gleichbehandlung selbst als die implizit schuldbewusste Offenlegung: Wir achten sekundengenau auf die Redezeit, wir haben Grund dazu. Das Thema ist nicht neu. Doch hat sich die sogenannte Mediendemokratie nicht ordentlich diversifiziert? Kann schon jemand belegen, dass die kommenden Verschiebungen durch das Internet und die Sozialen Medien befördert worden sind? Das würde bedeuten, dass das nach euphorischen Hoffnungen schon abgemeldete Internet sich doch ‚demokratierelevant’ auswirkt, nun gerade anders als erhofft.

Die mitlaufende Uhr war am Ende bei der ‚Elefantenrunde’ verschwunden, doch explizite Bemerkungen der Moderatoren verwiesen darauf – wobei die beiden wichtigsten ‚Spitzenkandidaten’ aus durchsichtigen Gründen ferngeblieben waren. Die eine hat soviel alleinstellige Präsenz, dass sie einen Auftritt als Kandidatin unter ‚vermeintlich gleichen’ klugerweise vermied; der andere steckt in der Falle seiner Behauptung, er sehe sich als Alternative und muss also wegbleiben, wenn die andere nicht kommt. Ihr Verzicht auf TV-Präsenz ist also kein Gegenbeweis.

Aber was ist diese TV-Symmetrie wert, wenn es ‚ernst wird’? Ein, zwei, keine drei Tage vor Herbstanfang am Zweiundzwanzigsten Neunten (es geschah 22.02 Uhr, aber das wird hier keine Konjunktion, keine Sorge) wurde es dann schon 22.22 Uhr, tatsächlich, als der Spitzenkandidat der FDP in der Runde erstmalig reden durfte und das Menetekel aussprach: Es ging doch immer um die Flüchtlinge. Das Wort hatte das Momentum wie die damit verbundenen Ereignisse in den letzten zwei Jahren. Tatsächlich erscheint nachträglich alles recht folgerichtig, es hätte wie immer aber auch schlimmer kommen können.

Meine schöne 333999 – die 66,6 hatte ich natürlich dazugeschummelt, was mich erschreckende Rechenleistung gekostet und den Straßenverkehr gefährdet hatte – droht im harmonischen und vielbedeutenden Zeichenversprechen vor allem doch, dass das gute alte Auto mich bald verlassen wird. Es ist kein Diesel! Und irgendwie schillert die ausgewogene TV-Redezeit nur noch irgendwie linkisch wie eine alte Liturgie. Die ‚politischen Klasse’, gerade erst war die LINKE eingerückt, versucht eine trügerische Balance zu behaupten, die sie debakelhaft verliert, ähnlich dem Dieselmotor. Sage keiner, dass das nicht zusammengehört.

Nun, also wieder das: Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. / Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. / Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. // Einen Wahltag meinte der Brecht damit nicht.