Klang des Weltgeistes – und echt Natur

Über das 1832 gemalte Bild „Goethe-Denkmal“ von Carl Gustav Carus. Für die Serie Musikbild des Gewandhausmagazin, gekürzt. Neuerlich hört man wieder von Richard Wagner als dem größten Sohn der Stadt Leipzig. Ehre, wem diese Ehre gebührt. Es ist nun eine Freude, an Carl Gustav Carus zu erinnern, der durch die große Klinik und sein Lebenswerk als Mediziner und als Maler neben Caspar David Friedrich heute eher nach Dresden geortet wird. In Leipzig wurde er 1889 geboren, am Rosenthal hatte er seine ersten Erlebnisse als Zeichner in der Natur, hier studierte er und begann zu lehren.

Carus war vieles: Gynäkologe und Psychologe, Maler und Philosoph. Im Grunde hat er durch die Aufrechterhaltung einer, von heute aus bewertet, Esoterik (der Mesmerismus) bei gleichzeitiger Beobachtung der Psyche und der Anatomie des Menschen die psychosomatische Medizin begründet. Er schrieb diverse Bücher, über Geologie, Botanik, Gynäkologie, über Physiologie, Psychologie, auch über Zoologie, außerdem sehr beachtete „Briefe über die Landschaftsmalerei“, und über Goethe.

Als er Anfang 20 war, hatte er zwei Doktortitel und hielt Vorlesung über Anatomie. Nach Dresden ging er 1814 als Professor für Geburtshilfe. Zweifellos ist er mit Dresden mehr verbunden. Erst in den letzten Jahren, mit erweiterten Kenntnissen über das 19. Jahrhundert, ist Carus als Künstler und Denker zusammengebracht worden.

Für die Kunst gilt er als Adept und fast Plagiator von Caspar David Friedrich, der danach in den Dunstkreis Goethes geriet. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie der vielbeschäftigte Mediziner – auch Dresdner Hofarzt – die Zeit findet zu malen. Er hat von vielen Reisen Bilder mitgebracht, berühmt ist seine Rügentour auf Anregung Friedrichs. Als Naturphilosoph stand Carus mit Goethe, Alexander von Humboldt und Ludwig Tieck in Verbindung. Von Carus ist der Begriff des Un-Bewusstseins – wenn also Carus ein Bild malt wie von Caspar David Friedrich, ist es dennoch nicht dasselbe.

Auch das Motiv der bildmittig stehenden Harfe ist von Caspar David Friedrich übernommen. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Carus vom Wunsch, Goethe ein wirkliches Denkmal errichten zu wollen. Da er aber dazu außerstande gewesen wäre, „dem Dichter das Monument zu errichten, dessen er würdig war, so hatte ich versuchen wollen, ein solches zu malen. Man sah da also in klarem Sommermondschein in ein wunderbares Felsental hinein, wo auf großer, von Klippen umragter Platte ein dunkler Sarkophag sich erhob, dessen Mitte eine hohe metallene Harfe zierte, zu deren beiden Seiten Bilder von betenden Engeln knieten, von Nebelsilberduft umzogen und von schlanken Tannen überwachsen. Das ganze Bild trug den Ausdruck von Stille, Einsamkeit und Klarheit, und ziert noch, indem ich dieses schreibe, unsere Zimmer. Ein eigene Begeisterung wehte in dem Ganzen, und es verfehlte nicht seinen Eindruck auf viele, die es betrachteten.“

Goethes Tod war ein großes Ereignis für Carus und viel andere. Der Maler hat außer diesem schweren Sarkophag, präsentiert wie die Bundeslade, ebenfalls 1832, eine weitere Allegorie gemalt: Zwei Schwäne auf bewegtem Meer, zwischen ihnen eine Harfe beziehungsweise Zither, dahinter die bunten Strahlen des Regenbogens. Ein schmerzendes Bild, fast ein Vorwurf an Gott im Himmel: Goethe ist tot, wie konntest du! Donat de Chapeaurouge interpretierte die beiden Schwäne als den „sweet swan of Avon“, Shakespeare, und den Goethe als nun ebenbürtigen Schwan von Weimar.

In den ästhetischen Diskussionen nach 1800 war ohnehin vieles in diesem Bild musikalisch aufgeladen: Der Nebel, die Landschaft als solche, das Mondlicht insgesamt, der Mondaufgang speziell. Die Landschaft, schreibt Carus, „entzückt uns doch allemal dann am meisten, wenn Morgen- oder Abendduft, eben jenes, was wir Ton nennen, über das ganze verbreitet, und somit der Aufschrei jedes einzelnen Farbigen verstummt ist“.

Dass Musik und Bild nicht gleich sind, weiß der Naturwissenschaftler genau, und bedauert, „dass wir einen Begriff borgen müssen vom Reiche des Hörbaren, für Schilderung eines Verhältnisses im Reiche der Sichtbaren! – alle Welt weiß jedoch jetzt, dass Ton in diesem Sinne stets eine gewisse, über ein Natur- oder Kunstbild verbreitete Stimmung, eine gewisse, das allgemeine beherrschende Harmonie des Kolorits ausdrückt“.

Die Harfe grassierte sowieso. Sie steht auf einem neun Jahre älteren Bild von Carus auf dem Balkon, der Mond strahlt hindurch, und allegorisiert die Musik. Das Bild wurde auch „Phantasie über die Musik“ genannt. Dass der Regenbogen und der Mond gleichsam die Saiten streichen, macht die gemalte Harfe zur Äolsstimme, in der der Klang der Natur, der Wind des Weltgeistes zu hören sind. Solche Windharfen, die auf den Klippen aufgestellt werden – die Romantik dichtet reihum davon – hat es im frühen 19. Jahrhundert in England und Deutschland wohl häufiger gegeben. Goethe wurde im 19. Jahrhundert nicht zu knapp als die ungekünstelte Stimme der Natur, der Echtheit, gerühmt, weshalb es geradezu konkret ist, ihn als Echo des Naturklangs zu feiern.

Carus hat stilistisch nicht homogen gearbeitet, was mitunter auf seine Liebhabertätigkeit zurückgeführt wurde, aber mindestens ebenso im Verhältnis zu Goethe einerseits und Friedrich andererseits begründet liegt.

Goethe hatte 1817 über „Neudeutsche religiös-patriotische Kunst“ geschrieben und Caspar David Friedrich sehr kritisiert. Carus folgte Goethes Meinung und malte in einem weniger dramatisierten, weniger additiv die Elemente setzenden Stil, nun quasi realistischer, mit gleichmäßigem, natürlich erscheinenden Licht. Solche Bilder hat er Goethe geschickt, der hat sie gelobt. Doch immer wieder folgt er Friedrich direkt nach dessen Motiven.

Das Bild zu Goethes Tod ist wiederum so pathetische wie symbolisch klappernde Allegorie. Vielleicht gibt sie in den Felsstrukturen und lichtdurchseichten Wolken reale Erfahrungen einer Wanderung im Elbsandsteingebirge wieder – Naturgefühl. Doch die stilisierte Nebel-Waldeinsamkeit, die christlich-musikalisch-mystische Symbolik, das hätte als allzu starke Aufladung Goethe vielleicht kritisch gestimmt: Zu wenig Natur, zuviel Symbol.