Text über Stephan Voigtländer

Nachtrag, aus Mai 2011. Für einen Katalog einen Text über den Leipziger Mecklenburger Plastiker Stephan Voigtländer geschrieben. Er widmet sich dem Schwierigsten: der plastischen Eindringlichkeit von Dingen, die nicht einmal in anderen Medien Anschaulichkeit erreichen. Werkfotos folgen.

Unsichtbare Infiltrationen

Anmerkungen zu Stephan Voigtländers Plastiken – und an ihnen vorbei

Es ist bemerkenswert, wie schnell wir uns gewöhnen. Gerade wird die Datenkrake des Jahres bekanntgegeben und erhält den Big Brother Award. Unter den Preisträgern rangieren Facebook und Apple ganz vorn. Bei dem sogenannten „Sozialen Netzwerk“ ist es Geschäftsgrundlage, dass private Daten der Nutzer missbräuchlich an Werbekunden weitergeleitet werden. Und Millionen strömen hinein in das Netz. Apples iPhone kann man – außer zum Telefonieren – nur benutzen, wenn man seine persönlichen Daten bekannt gibt. Die Zeit des anonymen Internets ist vorbei. Ohne freiwillige Spur kein Eintritt. Sukzessive wird gewissermaßen die elektronische Fußfessel eingeübt, nicht nur mobil, auch bei der Erlangung von Informationen, beim Denken… Na macht ja, nichts, wir wollten doch sowieso nicht weglaufen?

Die emotional schwerste Form Stephan Voigtländers im Gedankenraum von Kreatur und Fremdbestimmung  bestimmt die „Anlage“ an den vier Ecken dieses kapitalen Sandsteins. Dicke Krakenarme docken an die Köpfe von Fötussen an. Oder sind es just geborene, großköpfiger Säuglinge, noch träumend vom Wasser, in Fötushaltung? Die kleinen Würmer, wie wir sagen und es zärtlich meinen? Sie haben apriori unser Mitgefühl, die Natur hat es so vorgesehen, spät verlassen diese Jungen das Nest. In diesem Falle aber scheint die Nabelschnur der mütterlichen Vorsorge keine Rolle mehr zu spielen. Stattdessen haben die Babys schon frühgeburtlich den Datenkraken im Nacken, beziehungsweise auf dem Kopf. Das ist ihre Anlage, die Bestimmung? Man könnte den Titel auch verstehen als Hinweis auf die Prägung, die uns genetisch prädestiniert. Doch die Form Voigländers spricht dagegen, denn die Rohre sind formale fremde Macht. Sie sind nicht der Stoff, aus dem das Leben ist. Nein, die Kraken sind Techné, sind Kabelrohr und Fäkalienkanal oder Schuttrutsche. Naheliegender wäre also die zweite Interpretation der „Anlage“ als Hinweis auf die Herstellung dieses Produkts Menschenkind, was ein weiteres Moment im Verhältnis zwischen Individuum und Sozialität ist. Längst wird pränatal an diesem und jenem Detail gebastelt. In der Erlösung steckt die Teufelei. Voigländers Skulptur entwirft ein Modell dafür, was je nach Abstraktionshöhe, aber auch je nach Empfindung, längst Realität ist oder noch böse Zukunftsmusik.

Diesen Packen haben einige der Figuren von Stephan Voigtländer zu tragen. Gealterte Fötusse saugen an den Leitungen, auch sie verfügbares Austauschmaterial im „Steckplatz“. Andere hat Voigtländer in Holz gehauen, zum Beispiel wie als Standbild eines misslungenen Hürdenlaufs. Der „Bruchkopf“ ist eingerastet, fixiert, die Schwerkraft seiner Existenz lagert sichtbar an seinem Köpfen. Es sind wiederum technoide Formen die sich dort dem Schädel verbinden. Es sähe gewiss lustig aus, verlöre dieser Mensch seine aufrecht-hockende Balance und schlüge um.

Die Empfindung des Bildhauers geht vom Körper aus. Er fühlt das schmerzlose Gift der Infiltration, er sieht die basale Schmach der Natur gegen die Logik der Apparate. Auseinander gerissen ist in „Was ist X“ ein Wesen, dessen Detailformen sich transmorph eben aus dem Stein erheben und weiter verändern. Sie kleben wie zerstückelte Substanz an einer zweigeteilten Hülle. Da ist ein Heulen und Zagen in den Einzelformen, denen Leben weder gewährt wird noch versagt. Sie sind Module, die verlegt und vernäht werden wie man sie braucht. Wieder ist es eine Röhre, aus der metallene Tentakel hinübergreifen, die Stränge des Lebens, so oder so zu schneiden und zu koppeln. Wieder macht über das Motivische hinaus der Materialmix, die Kontrastierung der Welten und die Zähheit aus dem Stein, die die Wirkung aus.

Aus jeder Kindheit kennen wir so einen Psycho: Er redet, man habe ihm das Gehirn quer in den Kopf gestellt. Seine Paranoia ahnt, wer die Mächte sind, die ihm diese Tortur antun, aber er kann nichts tun. Die Ärzte belügen und vertrösten und schützen die Verbrecher. Die soziale Formulierung dieser Angst, ihre Rationalisierung, ist im Sprichwort Big brother is watching you vor einem halben Jahrhundert erfunden worden. Dort funktioniert das Subjekt nur noch, weil es sediert ist, ruhig gestellt in Geist und Körper. Die Gesellschaft organisiert sich durch die Methoden des Irrenhauses.

Zwar gehört die große fremde Beobachtung sogar zur unserer Genesis. Immer brauchte der Mensch Götter, die über ihn wachen, die um Hilfe gebeten werden können. Irdischen Mächtige setzten sie ein, um zu lenken und zu leiten, um zu unterdrücken. Doch der Unterschied des Cave cave, Dominus videt zum großen Bruder Aldous Huxleys ist gewaltig. Denn aufgeklärt, aus dem Himmel gefallen, ist der, der da überwacht, kein Beschützer mehr, sondern fremde Macht. Die Moderne macht einen großen Sprung: Die Fremdleitung und Fremdbestimmung im industriellen, atomaren und Zeitalter der Gen-Karten dringt in die Körper ein, eben in ihr Wachstum, ihre Physiologie, und sie weitet sich zu einem unsichtbaren und unheimlichen Komplex aus. Den Mankurt der orientalischen Sage, die Aitmatov popularisierte, musst man noch einer schmerzlichen Tortur unterziehen, um ihn zum erinnerungslosen Sklaven zu verwandeln. Das war mechanisch, als Folter, und sozial, als Bestrafung, überschaubar. Heute, könnte man zynisch formulieren, erledigen die Massenmedien und ein paar Drogen das fast ohne Schmerzen, dafür aber unüberschaubar leise und heimlich.

Insofern ist es vielleicht gar nicht bemerkenswert, wie schnell wir uns an Huxleys Vision gewöhnt haben? Wie wenig die Modelle des gläsernen Steuerbürgers, der elektronischen Fußfessel erschrecken, wie legitim die Überwachung anhand von Autobahnkameras und Kreditkartenabrechnung erscheint, wie freundlich noch die Worte von den Überwachungsfetischisten und Datenkraken klingen? Den Clou schoß in diesem Jahr die Modefirma Peuterey ab, die ihren Jacken unerwähnt RFID-Chips einnäht und mit dem Hinweis versieht: Don‘t remove this label. Das ist wirklich witzig, denn diese Chips, auch in Pässen und diversen Cards angewendet, werden an jedem Lesegerät ausgelesen. Wer also seine Peuterey-Jacke mit der Kreditkarte bezahlt hat, ist von nun an mit einem hübschen Bewegungsprofil zu verfolgen.

Ist das die nächste Vision? Filme wie Matrix oder Minority Report zählen zum Denkraum von Voigländers Plastiken, ohne dass er sie gesehen hat. In Matrix wird das große System nur überhaupt ersichtlich, indem ein Berufener, ein mystischer Retter sich ihm als Maschine angleicht, was ein ganz schöner Schmarren ist. Steven Spielbergs Minority Report beruht auf einer Vorlage von Philip K. Dick aus dem Jahr 1956, der seine Vision ins Jahr 2054 datiert. Hyperbegabte Medien sehen dort Verbrechen voraus, die eine Precop-Polizei fortan verhindert. Es gibt kein Entfliehen, denn überall im öffentlichen Raum sind Scanner verteilt, die die Iris aller Menschen gespeichert haben und blitzschnell auslesen, wer dort unterwegs ist. Der Held dieses Films, natürlich Tom Cruise, er entkommt den Häschern durch den einzig möglichen Weg: durch Austausch seiner Augen.

Ist es so arg? Es ist der Vorzug des Bildhauers, dass er in Form bringt, er verallgemeinert, die philosophische Komponente ist nur emotional erfahrbar und dadurch interpretierbar. Voigtländer lässt vieles mitschwingen, was naturell gar keine Form hat. Er bringt es in sarkastischen Noten, wiederholt immerhin mildert der Humor die Drastik der Diagnosen. Wir sehen ja nur die Kunst davon. Die „Suchmaschine“ ist eine Installation über Wahrnehmung, über die Tücken des Erkenntnisvermögen, eine sehr freie Adaption des Höhlengleichnisses, und im schelmischen Nebenher selbstverständlich auch über die heutigen Wege der Recherche, eben die Suchmaschine. Und wenn die Herde der „Zwölf Tiere“ im animalischen Ritt über die Tastatur am Boden gejagt wird, mildert ihr spaßiger Elan die Tatsache, dass sie eigentlich Gehetzte sind.

Auch wenn Voigländers die Diktatur der Medien oder der Meinungsmacht einer heiligen Mächtigkeit aufs Korn nimmt – eine konkrete Ebene im Widerstreit zwischen Welt und Ich –, kommt ein gehöriger Schuss Komik in die Szene. Der eher anekdotische Titel „Mach das Fenster zu“ lässt das Gespräch zweier Schlipsträger und einer äußerlich plumpen Gestalt im wahrsten Sinne auffliegen. Die kompakt geschnittenen Figuren streben auseinander, unverhofft ist die disziplinierende Situation aufgebrochen. Vielleicht hat die wellige Wurzelholz-Form, also ein Naturelement, ihren Anteil daran? Auch die karikierte Idolatrie in „Rotkopf“ erheitert und erleichtert somit anzunehmen, was eigentlich ekeln muss: wie Mitläufer von einer gottähnlichen Lächerlichkeit abhängig sind oder sich verhalten, als wären sie es, wie sie schwanken und fallen würden, hielte nicht ein unsichtbares Band sie am Munde, an der Erscheinung des großen Rotkopfs fest.

Doch da ist in dessen Munde auch wieder der körnige Gallert, der allerorten aus Voigländers Körpern dräut. Was hier vielleicht noch als Blasen interpretiert werden kann, ist in anderen Leiberöffnungen das Böse Kriechen an sich. Es füllt den Arm in Voigtländers „Zapfstopfen“, es drängt aus dem steilen „Überwachungsapparat“, es wuchert wie Baumpilz im „Gitter“, in das sich die Welt begibt. Das macht keinen Spaß, und entwickelt doch schöne Formen, Blumen des Bösen, frei nach Hieronymus Bosch. Sie knospen im „Globalburn“, dieser großartigen Form, in der Voigtländer den ungleichen Kampf zwischen dem Ich und der Infiltration der Systeme als prinzipiellen Kampf zwischen Natur und Technik kulminieren lässt.