Raumpatrouille jenseits des Saturn

Matthias Weischers Arbeiten auf Papier im MdbK Leipzig

Mann nennt es pars pro toto. Eine der Radierungen der Serie „homeland“ von Matthias Weischer führt im kleinen Format dicht vor eine Museumswand. Die Raumverhältnisse der Radierung sind nicht ganz geklärt.

Matthias Weischer: aus der Serie homeland, 2010, Radierung auf Bütten, courtesy Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin. Einen Fotofehler musste ich retuschierend ausgleichen.

Fängt die Wandecke mit der Vertikalen links hinten an, wo die parallelen Schraffuren in melierten Plattendruck übergehen? Oder direkt am Rahmenende, wo zielgerichtet schwärzere, dichtere Schraffuren dazu einladen, den Blick nach hinten zu führen? Insgesamt aber ist diese Fläche links des Bildes der rechts neben dem Bild ähnlich – was also die gerade Fläche der Wand hinter dem Bild suggerieren würde. Da stimmt etwas nicht mit dem Raum – aus Gründen.

Das Blatt führt nahe an das helle Bild an der Museumswand heran. Um dieses geht es also. Auf dem „reproduzierten“ Gemälde sind fünf schwarze Striche, in der Mitte jeweils etwas breiter. Es sind die berühmten Schlitze, mit denen Lucio Fontana das in den 60er Jahren weit verbreitetes Verhältnis zur Malerei in eine überzeugende Geste brachte. Man könnte das Bild sogar identifizieren. Fontana hat öfter sechs, vier oder weniger Schnitte in die Flächen gesetzt, seltener fünf.  In etwa dieser Anordnung findet man sie auf einem Bild mit Acryl auf Leinwand von 1965, Zusatz im Titel: Si prepara il lancio di un altro satellite Saturno. Nichts gegen Fernreisen, aber muss es dann wieder der mächtige Saturn sein? Lief damals schon die Schlacht der „Raumpatrouille“ um die Saturn-Basen? Fontana könnte etwas anderes meinen. Er hat solche Bilder generell als „Concetto spaziale attese“ bezeichnet, als Raum-Konzept-Erwartung. Das zerstörte Bild soll einen imaginären Raum, eine Dimension jenseits des Bildes eröffnen, und Kontakt zum Schicksalsplaneten Saturn ist dann eine mächtige, unbegreifliche Erfahrung.

Matthias Weischer ist kein Satiriker, er ist kein Polemiker. Er lächelt gewiss, kurz, wenn er so etwas in die Platte ritzt. Immerhin gibt es wieder genug Gegenwind, und die Fontana-Schnitte sind nach wie vor Argumente gegen Malerei. Weischer ist mitten in ihr unterwegs. Mit Hochachtung durfte man 2007 zur Kenntnis nehmen, dass ein Künstler, der das Massimo-Stipendium in Rom bekam, sich gegen jede Belehrung hineinzuknieen gedenkt in die Naturaufnahme, um eine authentische zeitgenössische Zeichnung zu erarbeiten, die das Abbild am Vorbild orientiert und nicht apriori, wie in der Moderne üblich, frei imaginierend aus dem eigenen Körper heraus oder auf die Kunstform zu. Als 2009 die ersten Ergebnisse zu sehen waren, konnte man zwar ahnen, dass das Medienzeitalter vermutlich mitzeichnet und uns den naturalistischen Zugriff verbietet. Die realistisch  probierten Gärten verweigerten Weischer die Kunst, zu brav, altbacken, nicht zu machen, Weischer kam zurück zu Ornament und Abstraktion – aber er zeichnet und zeichnet weiter.

In diesem „Space between“, um eine frühere Ausstellung zu zitieren, hat Weischer jetzt ausgebaut. Parallel zu einer neuen Ornamentalisierung nahm er seinen Räume die real denkbare Erscheinung. Er schiebt, zum Beispiel in „Omodi“, die Landschaft zu Segmenten auseinander, kehrt das Licht um, poetisiert mit Türkis, ockrigem Gelb, weißlichem Himmelsblau, porösem Oliv und mattem Lila, summiert Grundformen wie Ei und Wolke – und balanciert damit ein wunderbar durchlässiges Bild.

Matthias Weischer, Omodi, Pulp Painting, 2011, courtesy Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin. Foto: Uwe Walther, Berlin.

 

Es ensteht – wie im begünstigten Falle immer in Kunst – ein ästhetischer Raum. Deutlicher als zuletzt kommt er bei Weischer ohne Tiefe aus.

Ausnehmen von diesem Fazit darf man vielleicht die handtellergroßen Radierungen, in denen das „homeland“ in Strauch und Baum, sogar als Flamingogruppe, notiert wird. Weischer füllt die Flächen mit kleinster Schraffur. Er hat einen frechen, eiligen Strich, kratzig, nicht brav. Klärende Bildsignale gibt es in dem Grau fast nicht, manchmal fehlen sie. Ersehbar ist: die altbackene, vielleicht aber doch zeitlose Zeichnung nach der Natur ist im Gange.

Wenn Weischer in zarten Farbradierungen mit den roten und braunen Druckfarben (und –Platten) spielt und Distel, Frau und Stier oder Distel, Frau und etruskisches Pferd mit je ausgerissenen Flächenumrissen zu einem Blatt zusammensetzt, ist auch die Absicht zu spüren, Zeitenräume zu erstellen und verschiedene Empfindungsmomente zu kombinieren: imaginäre Räme auf der Basis der raumlosen Kombination. Es liegt in der Methode dieser Kunst, dass vieles in den Dualismen Natur und Künstlichkeit, Fließen und Bauen, Wachsen und Formen, im Gegensatz Kultur/Natur, zu interpretieren wäre – aber das wird nie dringend.

Im genannten „Omodi“ geschieht das als „Pulp Painting“: großformatige Papierwölbungen werden frisch in weich gefärbt und übereinander aufgetragen, wonach sie sich verbinden. Nass in Nass dem Zufall ausgeliefert, ähnelt die Technik der Grafik und dem Fresko gleichermaßen. Sie ermöglicht eine größere Haptik in satten Farbgründen. Weischer nutzt sie bisher, um flache Bühnen aus Natur-Ornamenten zu variieren und lebt darin seine Lust zu Balance und Leichtigkeit aus. Gewiss gibt es dabei melancholische Momente, aber er ist kein saturnalisches Gemüt. Im Concetto spaziale des Matthias Weischer hat sich etwas verschoben.

Matthias Weischer: Alice, Armin und all die anderen. Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 28.8.2011, Als Katalog dient ein Buch über Matthias Weischer aus der Reihe Kunst-Werkstatt, Prestel Verlag. Parallel läuft eine eindrucksvolle Ausstellung von Ben Willikens, auf die Leipziger Kindheit des Künstlers aufbauend. Dabei ist der Katalog sehr erwähnenswert, ein langes Gespräch des Künstlers mit Walter Grasskamp (Cantz).